Disclaimer: Ich schreibe über meine Erfahrungen, in der Hoffnung, dass sie anderen helfen, sich selbst zu helfen. Das hier kann, wird und soll keine Therapie ersetzen. Ich weiß, wie scheiße so ne Depression zuschlagen kann. Deshalb: hol Dir Hilfe.Bei ganz schlimmen Gedanken ruf bitte die Telefonseelsorge (0800-1110111) oder auch die 112 an.NICHTS UND NIEMAND ist es wert, sich Dinge anzutun. Du bist wertvoll. Nimm dir nicht die Möglichkeit, das irgendwann mal zu genießen, nur weil irgendwer oder irgendwas dich gerade jetzt getriggert hat.
Hey, schön, dass du wieder vorbei schaust!
Heute war mein letzter Nachsorgetermin. Ab jetzt heißt es, den eingeschlagenen Weg alleine weiter zu gehen. Das bedeutet noch nicht das Ende dieser Serie. Jetzt wird sie nämlich auch für mich wichtig. Sie wird mir helfen, mich immer wieder an wichtige Dinge zu erinnern.
Ich schulde dir noch einiges, was ich vor dem Weihnachtspost angekündigt hatte. Dann kam aber irgendwie alles anders und es kamen andere Themen.
Heute in der Nachsorge kam ich selbst tatsächlich dann mal wieder auf den Perspektivwechsel, nur GANZ anders, als ich das bisher auf dem Schirm hatte. Dazu nachher noch mehr.
Auch habe ich heute tatsächlich festgestellt, dass ich kaum noch zum Grübeln neige. Wie ich das gemacht habe? Ich habe trainiert, mich dabei zu „erwischen“, dann für mich zu hinterfragen: ist das gerade sinnvoll (meistens ist die Antwort ein klares nein). Die Anzeichen für Grübelei sind tatsächlich relativ leicht zu erkennen, wenn man den weiß, worauf man achten muss. Ein kleiner Tipp: wenn du dir wegen irgendwas vergangenem die Frage „Warum?“ stellst: hier besteht großes Grübelpotenzial. Überlege dir, ob du darauf überhaupt eine Antwort finden kannst und ob sie dich im hier und jetzt überhaupt weiter bringen könnte. Für mich lautete die Antwort meistens: nein. Dann kann das Thema auch vom Tisch. Schließe damit ab. Wenn du nicht mit nein antworten kannst: musst du die Frage JETZT beantworten? Ansonsten verschiebe das Ganze doch auf morgen, übermorgen oder so. Oftmals ist der Blickwinkel dann schon ein anderer.
Es gibt da ein Buch: Grübeln: „Wie Denkschleifen entstehen und wie man sie löst“ (nein, ich bekomme für die Erwähnung KEIN Geld, gar nix, nada, nicht mal n bisschen Fame).
Das hat ein paar nette Übungen, aber wie gesagt: für mich hat es gereicht, ein bisschen darauf zu achten und zu schauen, ob ich mich mit „warum-Fragen“ beschäftige. Kannst Du aus einer „Warum“-Frage, die dir für jetzt, morgen, nächste Woche genau keine Erkenntnis bringt, nicht vielleicht besser eine „was/wie“-Frage machen? DIE liefert dir nämlich eine Antwort, die weitaus konstruktiver sein dürfte. Probier es mal. :)
Soviel erst einmal zum Thema Grübeln. Ab und an ist es sicherlich mal erlaubt, solange es im Rahmen bleibt. Man stellt irgendwie schnell fest, dass man es eigentlich gar nicht braucht.
Bei der heutigen Nachsorge ging es auch noch um das Thema soziales Umfeld. Ich hatte ja schon geschrieben, dass das für mich momentan schwieriges Terrain ist. Wir sprachen darüber, was da wohl so schwierig ist und kamen auf das Thema Erwartungshaltungen. Ja, auch bei diesen muss man irgendwie lernen, sich zu „erwischen“. Sicher ist es dir auch schon passiert, dass du in irgendeine Situation gekommen bist und der Hinterkopf schon Pläne für die Zukunft gemacht hat, bevor überhaupt irgendwas klar war. Genau DAS war lange Zeit auch mein Problem. Ich denke, dabei erwische ich mich inzwischen recht zuverlässig. Heute wurde aber eben ein ganz anderer Aspekt klar: Was ist denn mit negativen Erwartungen? Mit denen hab ich bisher irgendwie gar nicht gerechnet, sie sind aber ganz klar auch da. Wenn ich Menschen kennenlerne, hab ich immer ganz schnell die Frage im Kopf: „Kann ich die Erwartungen anderer überhaupt erfüllen?“ und die Antwort wird direkt unterschwellig mitgeliefert in Form eines unklaren „nein“.
Ganz schöner Blödsinn, oder? Aber so ticke ich bisher. Am Ende ist es doch aber so: zum einen weiß ich doch gar nicht, was andere von mir erwarten. Zum anderen: wenn ICH von anderen nix erwarte, weil ich die Personen ja gar nicht kenne, wäre es für die doch auch gesünder, nix von mir zu erwarten, oder? Hallo Baustelle! Ich habe dich erkannt.
Diese kleine Ausflug bringt mich zurück zum Thema Perspektivwechsel, das ich dir ja noch schulde.
Der Perspektivwechsel ist ein wichtiges Werkzeug. Warum?
Lausche mal in dich hinein. Wir hatten ja schon das Thema, dass du dein(e) beste(r) Freund(in) sein solltest. Gleichzeitig ist es allerdings auch irgendwie wohl immer so, dass du dein schärfster Richter, Kritiker was auch immer bist. Und genau dieser Kritiker macht dir laufend das Leben schwerer, als es sein muss (was jetzt kommt, soll nicht heißen, das Selbstkritik doof ist. Etwas Selbsreflektion und eine gewisse Bodenständigkeit sind was Gutes!). Da hatten wir ein schönes Beispiel, das ich jetzt einfach auch hier mal bringe:
Stell dir vor, du bist mit einer Gruppe von Freunden verabredet und bist dafür zuständig, die Grillsoßen mitzubringen. Blöderweise ist dir was dazwischen gekommen und du stehst ohne Soße da. Wahrscheinlich wirst du dich in Grund und Boden schämen und dir Vorwürfe machen. Jetzt ändern wir die Perspektive. Nicht DU, sondern jemand aus dem Freundeskreis sollte die Soße mitbringen und hat keine. Würdest du da genau so hart urteilen?
Ich lass das jetzt einfach mal so stehen. Du wirst schon drauf kommen.
Und noch ein kleines Thema hab ich heute (ja, das wird heute etwas länger, sorry).
Dieses „positiv Denken“. Lass mich raten: bei dem Begriff lächelst du müde und denkst dir: so ein Blödsinn. So war das für mich oft auch. Nun, Wenn Du n Unfall hast, dir jemand die Brieftasche klaut oder was auch immer, dann ist das nicht positiv und es ist Quatsch, sich jetzt zu denken: „schön, endlich ist die Brieftasche weg!“ Natürlich funktioniert das nicht. Es gibt allerdings zwei Dinge, die ich für mich gelernt habe:
Zum einen: je länger ich mich über irgendwas aufrege und je öfter ich das mache, desto stärker wird der Gedanke/die Erinnerung daran. Ändert sich dadurch irgendwas? Oder ist das vielleicht Zeitverschwendung und du könntest während dieser zeit vielleicht an etwas angenehmeres denken? Klar hast du Rennereien wegen der geklauten Brieftasche. Aber zwischendurch bringt es dir gar nichts, dich immer wieder darüber zu ärgern. Das verstärkt sich dadurch nur immer weiter. Also hol mal Luft und denke zwischendurch an etwas schönes. Also an etwas wirklich schönes.
Zum zweiten: Es gibt Situationen, da funktioniert das begrenzt eben doch.
Denk doch mal an deinen Computer. Auf so einen Desktop passen ganz viele bunte Dinge, ein Browser kann, abhängig von den Ressourcen hunderte Tabs offen haben und eigentlich willst du seit drölf Jahren da mal aufräumen. Und dann stirbt die Festplatte. Dein Backup ist 6 Jahre alt. Blöd. Aaaaaaaaber: Es ist, wie es ist. Akzeptiere das. Und weißt du was? Dein Rechner ist nach der Neuinstallation schön aufgeräumt, du kannst jetzt gleich Dinge anders machen und vielleicht sogar ein automatisches Backup oder zumindest ein regelmäßiges einführen. Klingt erst mal gar nicht soooo positiv? Hey, du hast was aus der Nummer gelernt. Natürlich ist ein Datenverlust doof. Aber ein schöner sauberer Desktop ist schon irgendwie schön. Du sollst ja gar nicht das doofe schön finden. Versuche nur eben, auch die guten Dinge (auch wenn sie klein sind) zu sehen. Diese Gedanken nehmen den negativen nämlich Platz weg.
So. Meine Nachsorge ist also vorbei. Es heißt jetzt: alleine weiter machen. Sowas wie ein neues soziales Umfeld schaffen. Heute war ich, weil das Wetter wirklich schön war, nachmittags im schwulen Kiez in Berlin-Schöneberg unterwegs, gönnte mir ein leckeres Stück Kuchen und ordentlich Kaffee dazu (Das Thema "Genießen" heb ich mir noch auf). Weil jetzt der regelmäßige Gruppentermin ja wegfällt, hab ich mir überlegt: das könnte ich ja regelmäßig machen, um mich immer daran zu erinnern, dass da was ist, woran ich arbeite.
Nun saß ich da eben alleine. Ich überlegte mir so: „Eigentlich denkst du, du bist schwul. Aber was ist denn da überhaupt noch? Wer ist diese schwule Persönlichkeit da, die mich ausmacht? Wäre es nicht interessant, das (wieder) zu entdecken?“
Ich habe längst gemerkt, dass ich nicht einfach einen Hebel umlegen und die Szene aufmischen kann. Aber eines wurde mir klar: Ich möchte wieder schwule Kontakte knüpfen. Denn in dem Umfeld werde ich wohl auch mich selbst wieder neu entdecken können, es hat sich ja viel geändert. Die kleinen CSDs zu unterstützen ist ja schon mal etwas.
Vielleicht möchte ja auch jemand mittwochs mit mir gemeinsam im schwulen Kiez Kaffee trinken und gucken, was da so alles passiert? Oder vielleicht finden sich ja auch Menschen für eine kleine regelmäßige späte „Frühstücksrunde“ am Sonntag?
Es bringt mir gerade nix, jetzt auf Biegen und Brechen mit Leuten in der Kiste zu landen. Ich brauche einfach ein paar interessante (doof: wer weiß schon, was/wen ich „interessant“ finde?) Menschen um mich herum. Und ich sage es auch ganz klar und ehrlich: Jüngere (keine Kinder, n bisschen Niveau muss schon da sein) im Umfeld tun mir gut und sind sehr erwünscht, was nicht heißt, dass ich gleichaltrige oder etwas ältere da ausschließen will. Und um Sex geht es im Moment sowieso nicht.
Wer weiß, vielleicht finden sich ja gemeinsame Interessen, Menschen zum Sport machen oder was auch immer. Mein Fahrrad verrostet im Keller und auch, wenn ich das beruflich mache: irgendwas mit Computer passt durchaus auch, oder man geht mal irgendwohin auf ein Getränk. Ach, das muss ich gar nicht alles aufzählen, du kennst es ja.
Und wer jetzt Angst hat, dass ich die totale Schacke hab: Im Gegensatz zu vielen „Normalen“ oder „Gesunden“ KENNE ich meine Baustellen inzwischen ganz gut und gehe damit um. Viele „Normale“ oder „Gesunde“ haben vielleicht viel krassere Schacken und wissen nicht mal davon.
Falls Du mir etwas sagen willst:
schreib mir doch an chaosrind.zerschnurrt.de
Ersetze einfach den ersten Punkt durch ein at.
Oder schreib mir in diesem Fediverse oder bei diesem bluesky. Du wirst mich schon finden.
Liebe Grüße und pass auf dich auf! Tu dir immer mal was Gutes.