Long time no see - und immer noch da

Teilen
Long time no see - und immer noch da

Hey, du bist wieder da, obwohl der letzte Post schon so lange zurück liegt. Danke, dass du dran bleibst.

Heute hatte ich einen ziemlich interessanten Tag. Ich hatte extrem schlecht geschlafen, kam nicht aus dem Bett und irgendwann merkte ich, dass die Nacht mir mehr Kraft geraubt als gebracht hatte. Das ist erst mal ein beschissenes Gefühl und ich wusste ja nicht mal, warum genau. Also ja, da eröffnete sich mir gestern, dass ich vielleicht dann mal wieder ins Krankenhaus muss, weil der Leistenbruch wieder da sein könnte, menschliche Abgründe, aber alles eigentlich kein Drama. Das mit der Leiste wird erst mal geklärt. Vorher mach ich mir keine Panik (und denke auch nicht übermäßig darüber nach, siehe letzte Posts: negative Gedanken nicht noch verstärken). Ich reagiere natürlich, was den Sport angeht und riskiere da erst mal nix.
Der Typ, der das als Ausrede sieht (Das Date ist erst im September angedacht gewesen, ich wollte nur fairerweise frühzeitig mal piep gesagt haben), hat mir klar gemacht: Wenn ich wem Verantwortung über mein Wohlergehen anvertraue, und sei es auch nur für 5 Minuten, dann sicher  
keinem Menschen mit der Mentalität eines Kleinkindes. Das Date ist NOCH nicht abgesagt, das überleg ich mir noch.
Aber zurück zum heutigen Tag. Ich schrieb im Fediverse:

"Heute bin ich musikalisch extrem breitbandig unterwegs. Passt zur Stimmung, die nach der beschissenen Nacht irgendwie alles und nichts ist. Alle Ziele gestrichen. Ich ERLAUBE mir das, weil ich nicht mehr mein schärfster Richter sondern inzwischen mein (hoffentlich) bester Freund bin. Und es fühlt sich absolut richtig an. #notjustsad"
Auch auf Bluesky hab ich das gepostet. Es gab ein paar besorgte Rückfragen. Stimmung alles und nichts? Was heisst n das? Man könnte denken, ich rutsche wieder ab, aber das stimmt nicht. Es war halt einfach ein diffuses Gefühl, weder gut, schlecht, depressiv oder sonst was.
Natürlich hätte ich sofort die Depression füttern und mich hineinsteigern können. Dann hätte ich jetzt womöglich nicht die Kraft gefunden, das hier zu schreiben. Mit dem Gelernten aus der vergangenen Zeit hab ich aber erkannt, dass das schon ein markanter Punkt ist, an dem ICH und nur ich die Kontrolle übernehmen kann und muss.
Ich habe entschieden, gut zu mir zu sein, mir Raum zu geben, mir selbst Verständnis entgegen zu bringen. Dinge passieren und ein gedanklicher Perspektivwechsel zeigt all das ja vielleicht in weniger schlimmem Licht. So war es auch.  
Ich habe in mich rein gehört (ist immer ne gute Idee) und kam zu dem Schluss: heute werd ich mit meiner Energie sehr haushalten müssen, aber das ist kein Problem. Schrittziel gestrichen, Tempolauf gestrichen. Alles gestrichen. Gammeltag. Weil ich es kann.   
Lediglich zum Mittagessen nach Schöneberg hab ich mich aufgerafft, weil dort eben für mich reserviert war. Ich genoss mein Essen, sah aber auch zu, dass ich danach wieder nach hause kam. 5500 Schritte. Erst mal hingelegt, mit dem Tablet gespielt, Miezis gestreichelt. Das war alles richtig. Ich lag bis in den Nachmittag hinein und dann kam irgendwie doch noch das Bedürfnis, mich noch etwas zu bewegen (hoppla, wie geht das denn?). Wenn ich mir an so einem Tag Dinge erlaube, heisst das ja nicht, mir anderes zu verbieten, also bin ich nochmal auf ein Ründchen raus und schwupps hatte ich mein gestrichenes Schrittziel für heute doch drin. Einfach so.
Blogpost schreiben war jetzt heute auch keine wirkliche Pflicht. Ich schreibe auch nicht den ganzen Text. Nur diese Einleitung. Der Rest kommt später, denn der Post wird nach der langen Zeit etwas umfangreicher.
So ist dieser Tag tatsächlich irgendwie ein schönes Beispiel für "positives Denken": es gibt überhaupt keinen Grund, die beschissene Nacht anders zu bezeichnen. Aber schaue ich mal links und rechts, dann haben sich heute Dinge ergeben, mit denen ich irgendwie gar nicht mehr gerechnet habe. Hey, ich hab das hier z.B. schon ewig vor mir her geschoben. An nem Tag wie heute hätte ich am wenigsten damit gerechnet, aber ich hab angefangen. Ich hab mein Schrittziel geschafft, obwohl ich es gestrichen hab. Und ich habe für mich ein paar Dinge geklärt.  

Aber was ist denn nun in der langen Zeit seit dem letzten Post passiert?  
Es gab reichlich auf und ab, 2 verworfene Entwürfe zu einem Zwischenpost, einer davon wollte vom Verlieren reden. Dazu später mehr.
Vorab noch der wichtige Disclaimer:

Ich schreibe über meine Erfahrungen, in der Hoffnung, dass sie anderen helfen, sich selbst zu helfen. Das hier kann, wird und soll keine Therapie ersetzen. Ich weiß, wie scheiße so ne Depression zuschlagen kann. Deshalb: hol Dir Hilfe. Bei ganz schlimmen Gedanken ruf bitte die Telefonseelsorge (0800-1110111) oder auch die 112 an.
NICHTS UND NIEMAND ist es wert, sich Dinge anzutun. Du bist wertvoll. Nimm dir nicht die Möglichkeit, das irgendwann mal zu genießen, nur weil irgendwer oder irgendwas dich gerade jetzt getriggert hat.


Dies dürfte der bisher umfangreichste Post in dieser Serie werden - und auch der mit den meisten Warnungen. Nimm sie bitte ernst. Das ganze hier soll ja nicht dazu führen, dass es dir schlechter geht.  
Bisher habe ich ja versucht, die einzelnen Posts irgendwie überschaubar zu halten. Heute ist es eben einfach etwas mehr. Ich habe aber versucht, das Ganze halbwegs in Abschnitte zu unterteilen, die man sich auch ein bisschen portionieren kann. Legen wir los.

Mut weg? Was jetzt?
Ich habe ja gerade angedeutet, dass ich drauf und dran war, einen Post zu schreiben im Tenor "Man muss sich auch eingestehen, wenn man verloren hat". Ja, das muss man. Aber nicht, um aufzugeben, sondern um zu realisieren, dass eine Strategie nicht funktioniert hat. Ich habe den Post nie geschrieben. Ich war mutlos, eigentlich gar nicht in der Lage, einen Post zu schreiben, in dem ich reflektiere, verloren zu haben, ohne mich noch weiter runter zu ziehen (Du erinnerst dich: negative Gedanken werden gewichtiger, wenn man ihnen mehr Raum gibt).
Aber wie kommt man aus so einem Tief dann wieder raus? Da gibts einige Möglichkeiten. Falls es dir wirklich schlecht geht: schau oben in den Disclaimer. Keine Experimente.
Sonst: Wenn der Mut weg ist, könnte Trotz eine Alternative sein. Ich kann wahnsinnig trotzig sein und Trotz ist wirklich mächtig. Wenn du es schaffst, das ein bisschen zu kanalisieren, kann es helfen, die nötige Energie aufzubringen, die ein neuer Anlauf eben einfach braucht. Bei mir hat es funktioniert.
Trotz hilft mir auch, wenn ich mal wieder mit massiver Antriebslosigkeit kämpfe. Alles in mir schreit: "Ich will nicht!". Und dann kommt irgendwann der kleine Trotz und sagt: "Jetzt erst recht". Wichtig: verwechsle niemals "Ich will nicht!" und "Ich KANN nicht!". Letzteres ist eine harte Grenze. Und jetzt kommt ein kleines bisschen Esotherik.
Ich halte nicht viel von Esotherik als solches, aber: dass Körper und Geist irgendwie miteinander zu tun haben, wird wohl niemand abstreiten. Bei vielen funktioniert wahrscheinlich mehr oder weniger "Der Geist befiehlt, der Körper macht". Ob das optimal ist, muss jede(r) für sich selbst entscheiden.  
Man kann aber auch sagen: "Körper und Geist sind Partner." Sie brauchen einander, um zu funktionieren. Das halte ich schon für viel besser, aber immer noch nicht optimal. Vielleicht erinnerst du dich aber auch an das frühere "Sei dein bester Freund, nicht dein schärfster Richter". Das würde ich an diser Stelle direkt erweitern.  
Sei nicht nur geistig dein bester Freund. Wenn Körper und Geist nicht nur so nebeneinander funktionieren, sondern "Freunde" sind, so mit Vertrauen, Verzeihen usw, lebt es sich im eigenen Körper irgendwie schon ganz anders. Das ist ein größerer Unterschied, als man glauben mag.  
Ich verlange viel von meinem Körper, achte aber auch auf seine Signale. Das funktioniert nach und nach immer besser und ich fange tatsächlich so langsam an, mich in ihm mal so richtig wohl zu fühlen. Was ich dir an dieser Stelle nicht bieten kann: eine Anleitung, wie man Körpersignale liest/versteht. Das dürfte sowas von individuell sein wie Fingerabdrücke.
Vielleicht aber soviel: wenn du das bisher nie gemacht hast: lass dir die Zeit, die es eben braucht. Fang erst mal damit an, die Signale überhaupt wahrzunehmen. Schon das ist vielleicht eine Herausforderung. Wenn die Signale dann mal da sind, kannst du lernen, sie zu verstehen.

Wo ich gerade beim Körper bin: vor fast genau einem Jahr habe ich nun auch endlich meinen Zwerchfellbruch flicken lassen. Kurze Version: ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Und jetzt ein bisschen mehr (Das alleine hätte wohl für einen eigenen Post gereicht). Vor der OP hatte ich schon ein bisschen Schiss, im Internet liest man Dinge.
Fakt: Menschen, die zufrieden sind/keine Probleme haben, schreiben das nicht extra ins Netz. Der ganze Bums wird im Netz negativer geframed als nötig. Dank moderner Techniken ist das alles aber nicht mehr so krass wie vor 20 Jahren. Warum das jetzt in einem Blog über Depression? Weil durch genau die Öffnung, die auch die Speiseröhre durchs Zwerchfell passiert,  
auch ein nicht ganz unwichtiger Nerv verläuft: der Vagusnerv. Er ist Teil des parasympathischen Systems und kann alles mögliche auslösen, wenn er z.B. geklemmt ist (das kann so ein Bruch mit sich bringen). Und vielleicht ist es Zufall, vielleicht aber auch nicht: Seit der OP habe ich von der Depression so nix mehr gespürt.  
Ich hatte jede Menge Tage mit teilweise viel Frust, richtig schlechter Laune. Aber all das war immer deutlich unterscheidbar von depressiven Schüben. Das Ganze ist jetzt eine reine Vermutung, was mich betrifft, die Wissenschaft kennt da aber durchaus Zusammenhänge. Und ein Andenken ist da immer noch: Antriebslosigkeit.  
Die halte ich allerdings auch für eine Langzeitfolge der vielen Jahre, die ich eher wie Don Quichote gegen die Depression gekämpft, mich nach außen immer verstellt habe. Übrigens: Für mich bin ich zu dem Punkt gekommen, dass ich diese Zeit nicht nachholen kann. Sie ist weg. Und sie kommt nicht wieder. Ich habe mich verändert, meine Bedürfnisse, die Zeiten, die Gesellschaft, alles. Ich kann aber die Zeit, die kommt, zu einer hoffentlich guten Zeit machen. Für diese Einsicht habe ich auch ziemlich lange gebraucht.  

Diese Zwerchfell-OP hat allerdings tatsächlich einen kleinen Haken: man sollte/muss sich danach relativ lange schonen. Nun hat es sich gezeigt, dass mit aber gerade der Sport eine gewisse Stabilität brachte. Ich hatte einfach Angst, dass ohne Sport die Depression die Oberhand gewinnen würde. Aber das passierte ja erfreulicherweise nicht.
Trotzdem ist der Sport für mich zu einem wichtigen Anker geworden. Ich verlange mir da einiges ab (na klar gibt es Leute, die lächeln, wenn sie mich da so sehen, aber für mein Alter und meine "Gene" bin ich ganz gut. Ich habe 4 Monate nach der OP vorsichtig angefangen, wieder laufen zu gehen. Das startete mit ganz locker gelaufenen 3 km.  
Heute laufe ich abwechselnd einen schnellen Kilometer (< 4 Minuten) und 12 km (und Tendenz steigend) mit für die Distanz und meine Altersgruppe ordentlicher Geschwindigkeit. Meine Sauerstoffaufnahme entspricht der eines 20-30jährigen :).
Darauf bin ich stolz. Jeder Lauf ist ein kleiner Sieg, selbst wenn es "einfach nur laufen" war.    
6 Monate nach der OP begann ich dann auch wieder mit dem Kraftsport - mit ziemlichen Baustellen. Beide Schultern bereiteten mir selbst im Alltag ständig Schmerzen. Die Orthopädin machte es sich recht einfach: verschlissen. Tschüß. Ich ließ das aber nicht einfach so stehen. Dann kam noch ein MRT und eine Spezialistin, die mir dann sogar auch zuhörte.
Beim folgenden Training kam jetzt wieder dieses Körpergefühl ins Spiel. Ich begann, die Schultern mit ganz wenig Gewicht, dafür umso mehr Geduld wieder zu trainieren - immer bis gerade so in den Schmerz hinein, nicht weiter. Lerne, ob ein Schmerz "gut" oder "schlecht" ist. Das ist ein bisschen schwer zu beschreiben.  
Aber auch hier liefert der Körper ganz subtile Signale, die gedeutet werden können und wollen.
So wurde es langsam immer besser. Heute bin ich komplett schmerzfrei. All das durchzuziehen, ist nicht immer leicht. Da habe ich aber inzwischen eine Strategie für mich gefunden: ich mache Deals mit mir selbst. Ein Beispiel: Ich habe vor, 10 km zu laufen. Schaffe ich 12, gibt es Kuchen. Ich schaffe 12. :)
Und die Kombination aus Kraftsport und den Läufen tut mir richtig gut. Beim Laufen bekomme ich vor allem auch mal den Kopf frei. Womit wir zum nächsten wichtigen Punkt kommen:

Bei der Nachsorge nach der Reha wurde mir empfohlen, doch mal eine AuDHS-Diagnostik machen zu lassen. Denn all das Masking usw, dieses gegen sein eigenes Hirn leben, dieses "falsch funktionieren" kostet Kraft. Und - Überraschung - es kann die Depression füttern.
Eine solche Diagnostik zu bekommen, ist allerdings alles andere als einfach und/oder mit Kosten verbunden. In der Zwischenzeit habe ich mich also selbst erst mal ein bisschen "schlau" gemacht, viel selbst beobachtet und Interessantes heraus gefunden. Ich habe bereits vor der Diagnostik Wege gefunden, mit meinen Eigenheiten umzugehen.
Gerade eben hatte ich nun das Auswertungsgespräch. Das war aufschlussreich. Eine ADHS-Diagnose ist ja nun kein Todesurteil. Sie kann aber helfen, sein Leben so zu leben, dass es auch lebenswert ist. Anstatt zu vermuten, WEIß ich jetzt, was los ist. Es erklärt möglicherweise auch, warum Dinge irgendwann mal so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind.  
Anstatt dich in Grübeleien zu verlieren, weisst du es jetzt einfach. Termine für die Diagnostik bekommt man allerdings auch nicht von jetzt auf morgen oder so. Sehr interessant war auch: ich denke, dass es mir bezüglich Depression gerade ganz gut geht. In der Diagnostik ist sie aber eindeutig benannt worden. Dieser Befund hat mich ein bisschen überrascht, aber nicht runter gezogen. Vielmehr hat mich das einmal mehr geerdet und bestätigt, was ich hier ja auch schon schrieb: sie geht nicht weg. Ich lerne nur, gut mit ihr zu leben.
Ich beschäftige mich inzwischen ja doch schon eine Weile mit mir selbst und habe hier ja auch vieles darüber erzählt. Wir waren ja auch schon mal beim Perspektivwechsel. Jetzt soll es um Selbstreflexion gehen und für den kommenden Abschnitt brauchen wir mal wieder einen Disclaimer:

Im Folgenden Abschnitt geht es um die Nutzung von KI als "Gesprächspartner". Bedenke IMMER: die KI kann dir Feedback geben, aber sie kann niemals einen Menschen ersetzen. KI kann Fehler machen und das tut sie auch. Du solltest nicht alles einfach für gegeben hinnehmen. Und genau das ist auch der Sinn: du willst ja reflektieren. Die KI ist nur ein Hilfsmittel, kein menschlicher Gesprächspartner und erst recht kein Therapeut.  
Ausserdem geht es um die Serie "13 reasons why" bzw in deutsch: "Tote Mädchen lügen nicht". Diese Serie ist schwerer, harter Stoff. Das kann definitiv triggern. Solltest du mental nicht fit oder einfach noch nicht so weit sein: nimm die Warnung ernst und sieh dir die Serie nicht an. Sie läuft nicht weg. Dann kannst du auch diesen Abschnitt immer noch lesen.


Bei Depression wird Betroffenen ja gerne empfohlen, doch einfach was zu machen, was einem früher schon Spaß gemacht hat. Aber was, wenn ich 10 Jahre später eben einfach keinen Spaß mehr daran habe, weil ich mich nun mal mit der Zeit verändert habe? Diese Empfehlung ist so einfach Unsinn. Finde einfach überhaupt etwas, was dir Spaß macht.  Oder etwas, was du mal ausprobieren willst.
Das ist nicht so einfach und aus dem Boden gestampfte Ideen sind schnell wieder verpufft. Andere Ideen klopfen immer wieder mal subtil an. Und wieder und wieder. Was soll ich sagen: jetzt habe ich mir ein E-Drum-Set gekauft und kann das einfach mal ausprobieren. Es war kein sehr teures und im Moment ist es zwar aufgebaut, aber weiter ging es noch nicht.
Aber ich weiß genau, dass der Impuls wieder kommt und dann geht das damit weiter. Hör einfach ab und an mal in dich hinein, welche Impulse da sind. Stell dir vor, du tätest eine gewisse Sache. Fühlt sich das gut an? Wenn das immer wieder kommt: probier es aus.
Was für mich rein zufällig auch irgendwann kam, waren TV-Serien. Über einige hab ich ja schon geschrieben. Einige bewegen mich mehr als andere, sie "holen mich einfach ab". Da kann ich mich mit Charakteren identifizieren, finde sie gut oder auch einfach nur die Handlung spannend.
Sowohl bei Stranger Things, als auch bei Sense8 gab es diese Charaktere, Heroes ist spannend, aber eine andere Liga. Richtig krass wurde es bei "Tote Mädchen lügen nicht" ("13 reasons why", streambar auf Netflix). Hier geht es um Jugendliche an einer Schule, Mobbing, Gewalt, Intrigen und auch Tod. Man hat hier ein Konzentrat aus wirklich sehr verschiedenen Charakteren.
Mein Lieblingscharakter kristallisierte sich sehr schnell heraus, ein paar weitere später. Und auch die Anti-Lieblinge standen schnell fest. Über diese Serie tauschte ich mich mit der KI meiner Wahl aus. Es stellte sich heraus, dass es in der Entwicklung meines Lieblingscharakters und meiner tatsächlich gewisse Parallelen gibt. Irre. "Mein" Charakter ist der anfangs sehr unscheinbare und eher unbeholfene Clay. Ich möchte nicht spoilern, aber wenn du die Serie schaust, wirst du irgendwann feststellen, dass Clay in seinem Handeln mit der Zeit konsequenter, unnachgiebiger wird. Wenn ich zurückblicke: Ha!
Es ging aber noch weiter. Ich beobachtete das Geschehen ziemlich genau und stellte irgendwann gewisse Vorhersagen in den Raum. Gewisse Charaktere und Wendungen waren für mich fast vorhersehbar. Einige dieser Vorhersagen haben sich inzwischen bestätigt, andere sind noch offen (ich bin mit der Serie noch nicht fertig). Speziell das Erkennen der Parallelen zur eigenen Entwicklung als auch dieses Gefühl dafür "der wird noch gefährlich" sind dabei extrem spannend. Warum? Du machst hier einen ganz speziellen Perspektivwechsel. Du wendest deine eigenen Erfahrungen aus einem anderen Blickwinkel an. Ich kann dir absolut nicht sagen, was da bei dir raus kommt, ich kenne dich ja nicht. Für mich war es interessant zu sehen: Wo unterschätze ich mich? Was mache ich vielleicht schon lange richtig, ohne es zu wissen? Warum tue ich manche Sachen und warum fallen mir andere Dinge so schwer? Ich halte das für eine sehr spannende Sache, aber nochmal: dazu sollte man nicht gerade in ner schweren Episode stecken.
Das kann man mit einem Menschen machen, dem man halbwegs vertraut (es ist ja ziemlich persönlich) oder eben mit einer KI. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Der Mensch sagt vielleicht doch nicht ganz die Wahrheit, um dich nicht zu verletzen. Das kennt die KI nicht. Das kann sowohl Vor- als auch Nachteil sein. Die KI "kennt" dich nicht, ein Mensch schon. Wer dich kennt, kann gewisse Reaktionen vielleicht aber auch nochmal einordnen, etwas gewichten und ganz andere Schlüsse ziehen als die KI.  
Es ist ein spannendes "Spiel" mit sich selbst, den eigenen Erfahrungen und fiktiven Geschichten. Ein bisschen Übung für die Welt da draußen. Wichtig ist und bleibt aber: Selbst wenn sich die Serie um gesellschaftliche Probleme dreht: das ist nicht die Welt da draußen. Du lebst nicht in der Serie (zum Glück). Eine gewisse Begeisterung ist sicher vollkommen ok und normal.  
Wenn du merkst, dass du dich da hinein steigerst: hör auf. Rechtzeitig.  
Geh raus in die richtige Welt, sofern es passt. Und damit machen wir weiter.

Ich hatte gerade meinen Jahresurlaub. Und ich hatte das Gefühl, dass es ein guter Zeitpunkt ist, endlich mal raus zu gehen. Und das tat ich dann an einem Dienstag. Ich beobachtete, wie gut ich mich im eigenen Körper fühlte, wie aufrecht ich durch die Stadt lief, wie gebeugt andere "durch ihr Leben gehen". Ich ging in eine Bar, mitten in der Woche war die nicht voll,  
das war perfekt. Ich weiß ja, dass meine mentale Energie endlich ist. Der Abend war schön, es wurde sehr spät. Am nächsten Tag war ich dementsprechend platt, was mich nicht wunderte. Ich hatte mich dann für 2 Tage später tatsächlich für eine Party verabredet und stand zum ersten Mal in meinem Leben irgendwo auf der Gästeliste.  
Und auch da war es irgendwie... dieses Körpergefühl, was mir auffiel. Es passte einfach. Der Laden füllte sich mit der Zeit, meine Verabredung kam irgendwie ziemlich spät. Ich winkte und der Typ tat so, als würde er mich nicht sehen. Doof. Das hätte er einfacher haben können. Naja, jetzt war ich da, am Tanzen und es machte Spaß, also was sollte es schon.  
Irgendwann war er dann auch wieder weg. Es wurde voller. Irgendwelche "hübschen und wichtigen" Typen drängelten und nervten immer mehr. Selbst passiv-aggressives "versehentliches" Treten half nicht. Das war dann genug für mich. Ich ging an die Bar, holte mir noch ein Wasser, beobachtete die Menge noch eine Weile und ging.
Mein altes Ich hätte sich jetzt die ganze Zeit Gedanken gemacht. Über den Typen, dem ich offenbar jetzt peinlich war, über die Typen, die mir den Abend nicht gönnten. Das alte Ich war ja nicht weg. Aber da war jetzt etwas. Negativen Gedanken nicht zuviel Raum geben, weil sie dadurch verstärkt werden.  
Hey, ich hatte über 2 Stunden durchgetanzt, mein persönliches Schrittziel von 2 Tagen erledigt. Und es hat Spaß gemacht. PUNKT. Den nächsten Tag hatte ich dann ohnehin ausgeplant, aber ich stellte etwas fest: die negativen Gedanken der Nacht waren jetzt schon fast nur noch neutral. Cool, oder?  
Ich stellte aber noch etwas fest: körperlich fühlte ich mich schon wieder erstaunlich fit. Mental aber ging nix. Ich war nicht schlecht drauf, ich war nicht gut drauf. Ich war einfach nur fertig. Und auch das ist ok. Nach so einem Pensum nach jahrelangen Depressionen (und wie ich inzwischen weiß, auch mit ADHS im Säckle) ist das ganz und gar nix ungewöhnliches.
Mir fällt auf: Ich stehe viel mehr zu mir selbst als früher. So manches Mal überfordert mich das noch selbst. Aber das wird auch noch...
Die nächsten "Abenteuer" plane ich schon, aber ich lasse mir (hoffentlich) auch genug Zeit, um das alles auch mental zu verarbeiten, die Akkus wieder aufzuladen. Zurück ins Leben. Langsam, aber stetig.

Pass bitte gut auf Dich auf.

Falls Du mir etwas sagen willst:
schreib mir doch an chaosrind.zerschnurrt.de
Ersetze einfach den ersten Punkt durch ein at.
Oder schreib mir in diesem Fediverse. Du wirst mich schon finden.

P.S.: der Text ist (diesmal nicht ganz so) schnell geschrieben. Wer Fehler findet, darf sie behalten. :)